Interview „Mut zum Verliebtsein“ | Magazin des Wiener Musikvereins, März 2014

In einem Workshop macht Ildikó Raimondi jungen Leuten Mut. Mut zum Singen. Mut zum Lied. Mut zum Verliebtsein.

Liebe – aber ja doch. Wer spricht nicht gern von Liebe, erst recht, wenn ein Liebesbekenntnis so unverfänglich ist wie bei ihr: der Musik. Ich liebe, du liebst, er/sie/es liebt: die Musik. Bei so viel leichtgängiger Beugung fällt gar nicht groß auf, dass so manche Erklärung ein dürres Lippenbekenntnis sein kann. Man setzt nicht viel aufs Spiel, wenn man sagt: Ich liebe die Musik. Schön – und doch auch harmlos unverbindlich. Es ist, was das angeht, leicht reden von der Liebe.
Wie anders aber klingt es, wenn noch eine Silbe dazukommt. Plötzlich ist das Herz da in seiner Verletzlichkeit, auf einmal geht es um ein Seelenglück, das nur zu haben ist, wenn man sich preisgibt. Ildikó Raimondi setzt die Silbe dazu, diese eine kleine. „Ich bin“, sagt sie, „verliebt in die Musik.“

Die Emotion dahinter
Seit ihrem 14. Lebensjahr singt sie. Seit dieser Zeit, so beschreibt sie es, „bin ich in einem dauernden Verliebtheitszustand, weil ich in die Musik, mit der ich mich beschäftige, verliebt bin.“ Sehr frei nach Hofmannsthal und Strauss: Doch in dem „ver“, da liegt der ganz Unterschied … Wer liebt, kann reserviert bleiben. Wer verliebt ist, hat keine Wahl. Herz, Seele, Sinne stehen ihm offen.
Muss man der Musikstadt Wien noch Beweise dafür geben, was solche Offenheit bei Ildikó Raimondi heißt? Seit 1991 ist sie Mitglied der Staatsoper, an der sie nicht weniger als fünfzig Partien gesungen hat – mehr, steht zu vermuten, als alle anderen Kolleginnen und Kollegen im Ensemble. Im Musikverein debütierte sie vor genau zwanzig Jahren, im Frühjahr 1994, in Schuberts As-Dur-Messe. Und wie viel kam auch hier hinzu! Liederabende und Konzertauftritte mit einem Repertoire, das seinesgleichen sucht. Funkelnd denn auch das Spektrum, mit dem sich Raimondi Anfang 2014 im Musikverein präsentiert. Mit den Philharmonia Schrammeln singt sie im Februar Wienerlieder, im April folgen Honeggers „König David“ im Großen Musikvereinssaal und im Brahms-Saal Mahlers „Vierte“ in einer Kammerorchesterfassung, dazu ein neues Werk von Helmut Schmidinger, das sie 2013 zur Uraufführung gebracht hat. Vielseitigkeit, stupende Musikalität und stilistische Flexibilität – das sind die Begriffe, die man gewöhnlich für ein so außergewöhnliches Phänomen verwendet. Sie passen, selbstverständlich. Aber sie treffen nicht die Emotion dahinter. Und die steckt im Bekenntnis: „Ich bin verliebt in die Musik“.

Das erste Mal
Verliebtheit kennt kein Alter. Aber jeder weiß: Es gibt ein Alter, in dem sie einschlägt ins Leben, um nachzuwirken für immer. Das erste Mal – in seiner Qual und seinem Zauber. Wann trifft es einen? Mit 14 vielleicht: in dem Alter, in dem Ildikó Raimondi zu singen begann. Oder mit 15, 16 … Vielleicht ist es die Zeit, in der am meisten bewegt wird im Leben. Genau da setzt Ildikó Raimondi nun auch an, wenn sie im März einen Lied-Workshop für Jugendliche anbietet. Das Projekt ist völlig neu in dieser Art: ein Novum, das so recht zum Profil der Vier Neuen Säle und den Jugendaktivitäten im Musikverein passt.
„Liedgesang“ in Kursen – das ist normalerweise eine Feinschliffdisziplin von Masterclasses. Ausgebildete Sänger treten da an, um ihre ariengestählten Stimmen wieder geschmeidig zu machen fürs sublime Gewebe des Lieds. Ildikó Raimondi hat auch solche Meisterklassen schon gegeben und macht sie gern – 2014 etwa bei der Internationalen Sommerakademie in Salzburg. Hier aber, im Musikverein, geht es um ganz Anderes: 14, 15, 16 Jahre alt sind die Teilnehmer dieses Kurses, und sie sind allesamt noch Schüler mit ersten, noch zarten Erfahrungen im Gesang. Im Gläsernen Saal arbeiten sie an zwei Tagen vor Publikum mit Ildikó Raimondi zusammen, dann gibt’s, am Abend des 16. März, ein kleines Abschlusskonzert.

Sängerwissen und der Grund des Singens
Natürlich geht es auch in diesem Workshop um sängerisches Wissen. Man kann nicht früh genug damit anfangen, sich kundig und vertraut zu machen: mit Sprachen und der Sprache, mit Textverständnis und Interpretation, mit Phrasierung, Atemführung und Vokalausgleich. Oder auch: Wie tritt man auf? Wie steht man da? Wie schaut man drein, wenn der letzte Ton gesungen ist? All das will bedacht und gelehrt sein, und niemand wüsste besser als Ildikó Raimondi, die Kammersängerin, wie viel Wissen zum Singen gehört. Aber einmal mehr – und hier ganz besonders – geht’s um den Tiefengrund dahinter. Was wäre all das Wissen wert, wenn die Liebe fehlt und, ja, das Verliebtsein?
Wer Lieder singt, braucht Mut zum Inneren. Der muss beherzt sein, von seinem Herzen singen zu wollen. Ein Pflichtprogramm gibt’s deshalb nicht bei Ildikó Raimondi. Die Jugendlichen dürfen sich ihre Lieder selbst aussuchen. „Fast alle“, erzählt sie, „haben sich für traurige, melancholische, tiefsinnige entschieden.“ Wirklich überraschend ist das nicht. Denn auch wenn die Partys steigen in diesem Alter – „mit 14, 15, 16 kommt die Zeit, wo man plötzlich merkt, dass man allein ist auf der Welt. Man ist allein – und sucht die Zwillingsseele.“

Wie ein Espresso
„Sag, Bächlein, liebt sie mich?“ Wenn die Antwort auf Facebook ausbleibt und kein SMS mehr kommt, was bleibt dann? Welche Worte helfen einem? Die großen Dichter haben nicht umsonst geschrieben. Es sind die Texte, die den jungen Sängern aus der Seele sprechen. „Die Sprache eines Gedichts, die sagt ihnen etwas“, freut sich Ildikó Raimondi – und plädiert leidenschaftlich für Lyrik, nicht nur als Leseerlebnis. „Wenn man versucht, ein Gedicht zu schreiben, dann hat das eine irre Kraft. Es sind nicht dreihundert Seiten, auf denen man seine Gefühle tausendfach umkreisen, beschreiben und wieder relativieren kann. Die Kraft eines Gedichts liegt in der Konzentration. Das ist wie ein Espresso.“

Hingabe ohne Selbstverlust
Wer verliebt ist, will sich verschenken. Die reif gewordene Liebe aber weiß, dass man sich dabei nicht verlieren darf. Das ist denn auch die Gratwanderung des Künstlerseins. Ildikó Raimondi lebt ihre Kunst mit jeder Faser ihres Wesens. „Ohne totale Hingabe geht es nicht. Aber: Man darf sich nicht aufgeben dabei.“ Das heißt: Selbst wenn die Kunst das Leben ist, muss es ein Leben geben – ein ganz normales, ganz alltägliches – aus dem dann wieder auch die Kunst sich speist. Nur so kann man eine Bühnenfigur „mit Leben füllen“.
Ildikó Raimondi spricht davon und macht es im Gespräch schon zum Erlebnis. Von Marzelline ist da die Rede, die sie erst jetzt wieder gesungen hat. Vor zwanzig Jahren schon stand sie in dieser Partie auf der Staatsopernbühne, nun schlüpfte sie erneut in die Rolle – erstmals in direkter Zusammenarbeit mit Regie-Altmeister Otto Schenk. Worum ging es bei der Auffrischung des Wiener Opern-Klassikers? Um „Natürlichkeit, Ungeschminktheit, Lebensnähe“. Raimondi war begeistert. Nach vielen Jahren auf der Bühne weiß sie, dass sogenannte „gewagte Inszenierungen“ ihre Reize oftmals oberflächlich vergeuden. Der wahre Reiz liegt im Gang nach innen. So wie bei Schenks „Fidelio“. „Dann“, sagt sie, „spielt man auch sehr mutig.“

Mut zum Mut
Im Mai singt, spielt, lebt sie erstmals die Arabella auf der Bühne – in einer Festspielproduktion der Ungarischen Nationaloper Budapest. Wie schön das werden wird, spürt man schon jetzt, so innig wie Ildikó Raimondi von dieser Rolle spricht. „Ganz ohne Willen dreht sich dann mein Herz …“ Was für ein Text und welche Musik! Raimondi ist hingerissen von den beiden, die das geschaffen haben, Hofmannsthal und Strauss. „Ich habe den Klavierauszug in der Hand, lerne die Rolle – und dann kommen so unglaublich schöne Sätze, geschrieben von zwei reiferen Herren im vorigen Jahrhundert. Wie tief die beiden doch die Frauenseele kennen!“
Im März aber geht es erst einmal um Liedgesang als musikalisches Lebenselixier. Knapp ein Dutzend junge Sängerinnen und Sängern erproben es vor Publikum im Gläsernen Saal. Sie haben den Mut, sich singend zu öffnen, und werden aufs Feinste dabei ermutigt werden.
Für Wiens Musikfreunde aber verknüpft sich eine Einladung damit: Machen Sie aus Ihrer Musikliebe wieder echte Verliebtheit! Es lohnt sich.

Joachim  Reiber