{"id":839,"date":"2014-09-10T21:21:31","date_gmt":"2014-09-10T19:21:31","guid":{"rendered":"http:\/\/ildikoraimondi.com\/new\/?p=839"},"modified":"2014-09-27T15:49:01","modified_gmt":"2014-09-27T13:49:01","slug":"interview-man-braucht-einschnitte-im-leben-morgen-414-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ildikoraimondi.com\/new\/en\/interview-man-braucht-einschnitte-im-leben-morgen-414-2\/","title":{"rendered":"Interview &#8220;Man braucht Einschnitte im Leben&#8221; | Morgen 4\/14"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/ildikoraimondi.com\/new\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/ildikoraimondi_morgen.pdf\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-694\" src=\"http:\/\/ildikoraimondi.com\/new\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/morgen_teaser-233x300.jpg\" alt=\"morgen_teaser\" width=\"233\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/ildikoraimondi.com\/new\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/morgen_teaser-233x300.jpg 233w, http:\/\/ildikoraimondi.com\/new\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/morgen_teaser.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 233px) 100vw, 233px\" \/><\/a><em>Vom kommunistischen Rum\u00e4nien \u00fcber Italien an die Wiener Staatsoper: Die Lebensgeschichte von Ildik\u00f3 Raimondi ist reich an Ereignissen. Ein Portr\u00e4t der bew\u00e4hrten Sopranistin, die sich immer noch neue Herausforderungen sucht.<\/em><\/p>\n<p>Und dann geschieht etwas in diesem Gesicht. Man meint, dass ein Wetterwechsel darin stattfindet. Als w\u00fcrde eine d\u00fcnne Wolkenschicht rei\u00dfen und, ganz allm\u00e4hlich, die Sonne zum Vorschein kommen. Ja, jetzt strahlt Ikdik\u00f3 Raimondi. Hell wie ihr Haar, leuchtend wie ihr Sommerkleid. \u201eIch bin schon so lange da..\u201c, hat sie vorhin begonnen, jetzt setzt sie fort: \u201e\u2026 und ich bin wahnsinnig gl\u00fccklich. Ich habe mich wie eine Schneek\u00f6nigin gefreut, als ich in dieser Saison noch einmal die Marzelline singen konnte.\u201c<\/p>\n<p>Dazu muss man wissen: Diese Marzelline ist ein junges M\u00e4dchen in Beethovens \u201eFidelio\u201c \u2013 Raimondi aber schon deutlich lebensreifer. 23 Jahre arbeitet sie jetzt schon an der Wiener Staatsoper, vor zehn Jahren ist sie zur Kammers\u00e4ngerin geadelt worden. Und doch: Als es in der vergangenen Saison eine Marzelline zu finden galt, fiel die Wahl noch einmal auf die bew\u00e4hrte Ensemblekraft. F\u00fcr Raimondi kam es nicht unverdient: \u201eIch konnte die lyrische Farbe meiner Stummer halten, weil ich sie nie \u00fcberstrapaziert habe, und ich habe immer auf meine Linie geachtet. Mit 51 noch einmal diese Rolle \u2013 das ist etwas Wunderbares, und es sollte auch meinen Kolleginnen Mut machen.\u201c Die w\u00fcrden ja immer noch etwas kritischer betrachtet als die M\u00e4nner auf der Opernb\u00fchne, meint Raimondi: \u201eWenn ein \u201aRigoletto\u2018-Herzog Ende 50 ist, wundert das keinen. Aber wenn eine Waltraud Meier die Leonore singt, halten das alle f\u00fcr eine gro\u00dfe Ausnahme. Die B\u00fchne ist eine Zauberwelt. Man sollte nicht auf das Geburtsdatum achten, sondern auf den Menschen, der da vorne singt.!<\/p>\n<p>ROCKS\u00c4NGERIN IN LEDERKLUFT. Am B\u00fchnenzauber hat Raimondi fr\u00fch Gefallen gefunden. Dass sie an der Oper re\u00fcssieren w\u00fcrde, stellte sich aber erst allm\u00e4hlich heraus. Geboren in einem ungarischen Dorf am Westzipfel Rum\u00e4niens, besucht sie ab elf ein Musikgymnasium in der nahen Stadt Arad, ihr Hauptfach ist bald Gesang. Die Opernabende in Rum\u00e4nien wirken auf den Teenager jedoch altbacken. \u201eIch hab dann in der Schulband gesungen. Mit 17., 18. war ich schon in einer gr\u00f6\u00dferen Band, wir haben Tourneen gemacht.\u201c Raimondi schmunzelt: \u201eIch hatte schwarz geschminkte Augen und trug die obligate Lederkleidung.\u201c Vor der Matura \u00e4ndert sich dann aber etwas. Die Magie der Oper w\u00e4chst \u2013 oder besser gesagt, jene des Rockzirkus schwindet. \u201eMir hat dieser Lebensstil nicht gefallen. Die lauten Konzerte, dazu der viele Rauch und der Alkohol.\u201c Kleine Zwischenfrage: Hat sich die Opernwelt sp\u00e4ter wirklich als gesitteter erwiesen? Im Vergleich, sagt Raimondi, seien die Klassiks\u00e4nger ein \u201eziemlich cleanes V\u00f6lkchen\u201c. Aber: \u201eDann kam ich in den Westen und habe erfahren, dass auch eine Opernregie sehr gewagt sein kann.\u201c<\/p>\n<p>Aber der der Reihe nach. Raimondi schlie\u00dft also das Musikgymnasium ab, auf dem Diplom steht das Wort \u201eChoristen\u201c. Raimondi will aber Solistin sein. Dazu muss sie aufs Konservatorium \u2013 doch das erweist sich als uneinnehmbare Festung. \u201eEs gab hunderte Bewerber, aber gerade einmal zwei, drei Pl\u00e4tze.\u201c Der Grund: Im Kommunismus werden nur so viele Studenten aufgenommen, wie es dem offiziellen Stellenbedarf entspricht. Raimondi, sie hei\u00dft damals noch Ildik\u00f3 Szabo, weicht in die DDR aus. \u201eDie hatten unglaublich viele kleinere und mittlere Opernh\u00e4user. Das Land wollte damit auch zeigen, dass es Kultur hat. Die Arbeiter sind mit Bussen zu den Vorstellungen gebracht worden. Sie mussten kommen, aber sie taten es auch gern.\u201c Die \u201eGro\u00dfen S\u00e4ngerlieferanten\u201c f\u00fcr diesen Prestigebetrieb sind Bulgarien und Rum\u00e4nien \u2013 damit kommt Raimondi zu einem Job. Sie singt in Chemnitz ihre erst Solorolle, in Dresden folgt das Deb\u00fct als Patina. Drei Jahre lang ackert das nachuchstalent im deutsche Arbeiterstaat; 1986 \u2013 nur wenige Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, von dem Raimondi nat\u00fcrlich nichts ahnen kann \u2013 folgt der Schritt in den Westen.<\/p>\n<p>RAIMONDI, DAS FAHRRAD: Was damals nat\u00fcrlich nicht einfach ist. In Raimonds Fall hilft das Liebesleben. Schon als Sch\u00fclerin hat sie \u201eeinen wahnsinnig netten Italiener\u201c kennengelernt, nun will das Paar heiraten. Doch daf\u00fcr muss Vater Staat gr\u00fcnes Licht geben. Ein Jahr l\u00e4sst er sich zeit, die Antragstellerin ist nerv\u00f6s: \u201eIch w\u00e4re abgestempelt gewesen, wenn ich keine Genehmigung erhalten h\u00e4tte.\u201c Aber dann kommt sie doch. Das Paar heiratet und darf nach Italien ausreisen, wo der Ehemann ein Gesch\u00e4ft mit Fahrr\u00e4dern betreibt. \u201eDie hat er selbst produziert, diese Raimondi-R\u00e4der waren sehr gut.\u201cBald darauf kommt das erste Kind zu Welt, die Jungmutter bleibt aber beruflich am ball. Das soll sich lohnen. 1988 gewinnt sie den Belvedere-Wettbewerb der Wiener Kammeroper in der Kategorie Operette, das Haus nimmt sie unter Vertrag. Ein Segen, aber auch ein problem: \u201eDie Italiener verstanden das nicht: Gerade erst bin ich gekommen, jetzt will ich wieder weg\u2026Man verliert so viel Lebenszeit mit dem Ausf\u00fcllen dummer Formulare. Wer das erlebt hat, wei\u00df die offenen Grenzen in der EU wirklich zu sch\u00e4tzen!\u201c<\/p>\n<p>Nach etlichen Amtsg\u00e4ngen ist der Reisewille aber durchgesetzt. Raimondi beginnt also in dem kleinen Haus am Fleischmarkt, das damals noch der Impresario Hans Gabor f\u00fchrt. Dem gelingt ein veritabler Coup, als er George Tabori f\u00fcr die Regie des \u201eKaisers von Atlantis\u201c gewinnt \u2013 Viktor Bullmanns Oper aus dem KZ Theresienstadt. Raimondi ist bei der Neuproduktion dabei: \u201eIch habe so viel vergessen, was sp\u00e4ter kam, aber das ist mir geite noch wie ein Film in Erinnerung: Wir waren ein junges S\u00e4ngerteam, Tabori wirkte schon damals wie ein zerbrechlicher, alter Mann. Aber er hatte eine unglaubliche Ausstrahlung. In der ersten Probe sah er uns an und sagte: \u201aMein Gott Kinder, ihr seid alle so jung. Es geht hier um so tiefe Gef\u00fchle \u2013 das k\u00f6nnt ihr noch gar nicht spielen.\u2018 Da waren wir ziemlich beleidigt. Sp\u00e4ter bat er uns, still zu sein und uns an etwas Schreckliches zu erinnern. Ich wei\u00df noch, wie ich dagesessen bin \u2013 und nichts gefunden habe. Da verstand ich, was er meinte. \u00dcberhaupt \u2013 je mehr ich dar\u00fcber nachgedacht habe im Laufe der Jahrzehnte, desto besser verstehe ich Tabori. mMan braucht Einschnitte im Leben, Schmerzen und Zweifel, um zu einer gewissen Tiefe zu gelangen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eBRENNEN WIE EINE KERZE\u201c. Aber zur\u00fcck zu Raimonds jungen Jahren. Da kann sie weiterhin nicht klagen. Die Wahl-Wienerin wechselt von der Kammeroper an die Volksoper, von dort aus dann im gleitenden \u00dcbergang an die Staatsoper. Die Grenzen zwischen den beiden B\u00fchnen stehen gewisserma\u00dfen offen, weil sie gemeinsam von Ioan Holender und Eberhard W\u00e4chter geleitet werden. Von dieser Doppel-Direktion stammt auch ein Ratschlag: Die Sopranistin m\u00f6ge doch bitte das \u201eSzabo\u201c aus ihrem K\u00fcnstlernamen streichen. \u201eIldik\u00f3 Raimondi\u201c h\u00f6re sich besser, n\u00e4mlich \u201eexotisch\u201c an. Raimondi k\u00fcrzt also ihren Namen, das Repertoire w\u00e4chst zugleich: Sie mutiert an der Volksoper zur Operettendiva. \u201eDas hat mich sehr gefreut, aber auch \u00fcberrascht. Ich war noch wahnsinnig jung und durfte gleich Rollen wie die Hanna Glawari spielen.\u201c Auch an der Mozartfront gibt es bald viel zu tun: Patina, Barbarin, Susanna,.. Wenn Not am Mann ist, singt sie die Letztere sogar parallel an beiden Bundestheatern. heute kann die zweifache Mutter, in zweiter Ehe mit dem Germanisten Herbert Zeman verheiratet, auf mehr als 40 Rollen an der Staatsoper zur\u00fcckblicken: von der Klassik \u00fcber Puccini-Figuren und leichtere Wagner-Partien bis zur Moderne.<br \/>\nNat\u00fcrlich: Als Ensemblemitglied des operettenarmen Hauses verk\u00f6rpert sie heute (abgesehen von einer erstaunlichen \u201eFledermaus\u201c-Pr\u00e4senz) kaum noch walzerselige Figuren. Und weil naturgem\u00e4\u00df viele junge S\u00e4ngerinnen nachr\u00fccken, ist Raimondi in der \u201eZauberfl\u00f6te\u201c nun statt der Patina eher die Erste Dame. Das Repertoire der 51-J\u00e4hrigen, die auch gern unterrichtet, w\u00e4chst aber immer noch an. Und das nicht nur auf der Opernb\u00fchne, sondern auch im Konzertsaal, den sie seit jeher f\u00fcr kreative Ausfl\u00fcge n\u00fctzt. Rund 160 Mal ist Raimondi allein im Wiener Musikverein aufgetreten, wo sie im n\u00e4chsten har ei St\u00fcck von Friedrich Cerha aus der taufe heben wird. Doch auch der Operette h\u00e4lt sie im Konzertsaal die Treue. Und nat\u00fcrlich dem klassischen Kunstlied. Dem zollt sie zum Beispiel am 21. September in der Synagoge Baden Tribut, bei einem Serenadenkonzert des Landes Nieder\u00f6sterreich mit dem tenor Herbert Lippert und dem Pianist Eduard Kutrowatz.<br \/>\nKurz: Das Leben der Ildik\u00f3 Raimondi ist ein vielseitiges, aber auch anstrengendes. \u201eWir S\u00e4nger\u201c, sagt sie, \u201everbrennen uns wie eine Kerze an beiden Seiten. Einerseits m\u00fcssen wir immer weiterlernen, andererseits darauf achten, dass die Stimme frisch bleibt.\u201c Aber wenn das gelingt \u2013 nun, dann kann man im Gl\u00fccksfall auch noch mit 51 die Marzelline singen.<\/p>\n<p>Text: Christoph Irrgeher, Foto: Nadja Meister<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom kommunistischen Rum\u00e4nien \u00fcber Italien an die Wiener Staatsoper: Die Lebensgeschichte von Ildik\u00f3 Raimondi ist reich an Ereignissen. 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